Abenteuer Natur, Nr. 6, Nov./Dez. 1996, S. 94-97
SchlarAffenland

Im westafrikanischen Ghana haben Dorfbewohner vor 20 Jahren ein Reservat für Stummelaffen und Meerkatzen eingerichtet. Dort können Touristen die zuweilen recht dreisten Affen aus nächster Nähe beobachten.

Von Ingo Bartussek (Text und Fotos)

Ghana / Boabeng-Fiema  1Ghana / Boabeng-Fiema 2

Staubtrockene Blätter knistern bei jedem Schritt unter meinen Füßen. Den Kopf im Nacken, suche ich das Kronendach ab. Einige Bäume sind voll belaubt, auch wenn die Blätter einen reichlich verstaubten Eindruck machen. Andere Baumarten stehen völlig kahl. Ich stolpere über eine handgroße Frucht. Ihre harte, samtige Schale ist aufgeplatzt, eine gallertartige Flüssigkeit tritt aus. Rote, dattelförmige Samen kommen zum Vorschein ”Cola gigantea” sagt Tony, der Wildhüter. Im Blätterdach knackt es, und die nächste Frucht schlägt knapp vor mir auf den Boden. Die Augen fahren wieder hinauf und jetzt entdecke ich auch die Urheber.

Affen mit glattem, schwarzweißen Fell sitzen da oben, gut 30 Meter über uns. Ihre langen, weißen Schwänze baumeln herunter. Black-and-White Colobus oder einfach Black-and-Whites (die Schwarzweißen) werden sie hier genannt. Ihr deutscher Name lautet Weißbart- oder Bärenstummelaffen und weist auf den zurückgebildeten, “verstümmelten" Daumen der Hände hin. Befänden wir uns in einem anderen Teil Ghanas, in dem diese Waldbewohner noch vorkommen, unsere Beobachtung wäre ein außerordentlicher Glücksfall gewesen. Hier im Boabeng-Fiema Monkey Sanctuary aber wird man sie mit ziemlicher Sicherheit zu Gesicht bekommen.

"Uuu-HA, Uuu-HA!" Ein Warnlaut ertönt aus dem Unterwuchs des Walds. Mona-Meerkatzen turnen durchs Geäst und entziehen sich schnell meinem Blick. Tony grinst mich an. Das liege an meiner weißen Haut, das seien sie halt nicht gewöhnt! Gegenüber den Einheimischen, die im Dorf gleich am Rand des kleinen Walds leben, verhalten sich die Monas weniger respektvoll. Sie kommen regelmäßig an die Häuser, klettern durch Dächer und Fenster, suchen nach Eßbarem und scheren sich nicht darum, daß es vielleicht gar nicht für sie gedacht war. Die Bewohner halten die Kobolde zwar auf Distanz, verscheuchen sie auch, wenn sie gar zu dreist werden, aber im Grunde sind sie ihnen gegenüber doch erstaunlich freundlich gesinnt. Und das hat einen besonderen Grund!

Seit die Dörfer Boabeng und Fiema vor circa 160 Jahren gegründet wurden, sind die Affen hier durch ein religiöses Tabu beschützt. Die Göttin Daworoh prophezeite den Einwohnern damals sogar Segen, wenn sie dies respektieren. Die Affen durften also nicht gejagt werden, wie das in anderen Teilen Ghanas und sonstwo in Westafrika üblich ist - von wenigen Ausnahmen abgesehen. Die Stummelaffen sind heutzutage zwar per Gesetz landesweit unter Schutz gestellt, aber Wilderei ist selbst in den: Nationalparks und Naturschutzgebieten kaum zu unterbinden. Die Monas werden nicht nur als Fleischlieferanten angesehen, sondern auch als Schädlinge.

Hier glaubt man dagegen, daß, was immer man den Affen antut, einem selbst widerfahren wird: Wer ihnen Futter überläßt, wird immer etwas zu essen haben. Wer aber einen Stein wirf und damit einen Affen verletzt, wird von den Göttern entsprechend bestraft werden. In Boabeng ist es die lokale Göttin Daworoh, in Fierna der Gott Abodwo, die über das Wohl der Tiere wachen. Ein Fetischpriester fungiert als Vermittler zwischen den Göttern und den Menschen. Zudem wohnen die Seelen der Ahnen in den Affen, was ihnen einen heiligen Status verleiht. Diese positive Einstellung der Dorfbewohner hätte den Affen allerdings beinahe nicht viel genützt, denn seit den 60er Jahren schwand ihr Lebensraum zusehends. Die Entnahme von Nutzhölzern und eine immer intensiver betriebene Landwirtschaft waren dafür verantwortlich.

Herr Akowuah. ein gebürtiger Boabenger, erkannte dies und versuchte, die Dorfbewohner und die traditionelle Führung davon zu überzeugen, daß wenigstens ein Stück des Walds erhalten werden müsse. Mitglieder einer christlichen Sekte trugen das Ihre dazu bei, indem sie einige der Affen schossen, um ihre Emanzipation vom traditionellen Glauben unter Beweis zu stellen. Ein Aufschrei ging daraufhin durch die Bevölkerung, die - obwohl zum größten Teil Anhänger von einer der acht verschiedenen christlichen Kirchengemeinden - ihre alten Werte und Tabus noch verinnerlicht hat. Auf einer Dorfversammlung wurde Herr Akowuah beauftragt, Verhandlungen mit den staatlichen Stellen aufzunehmen, um den Schutz der Affen sicherzustellen. Nach zähem Ringen wurde das Boabeng-Fiema Monkey Sanctuary 1972 etabliert. Jagd und das Fällen von Bäumen wurden in dem 80 Hektar großen Areal fortan untersagt.

Sowohl Wilderei als auch illegale Holzentnahme konnten seitdem erfolgreich verhindert werden. Das Besondere daran: Dies ist ausschließlich auf die Initiative und Unterstützung der einheimischen Bevölkerung zurückzuführen. Bis heute unterliegt die Kontrolle des Reservats einem Managementkomitee, das sich ausschließlich aus Einwohnern der Dörfer Boabeng und Fiema zusammensetzt.

Als wir nach unserem Rundgang mit den Wildhütern das Haus von Herrn Akowuah wieder erreichen, steigt am anderen Ende des Dorfs eine Rauchfahne in den Himmel. Ein alltägliches Ereignis in der Trockenzeit, denn auf diese Weise wird Land, das für einige Jahre brachgelegen hatte, für die Bestellung vorbereitet. Diesmal aber wütet das Feuer innerhalb der Reservatsgrenzen, und Tony beschließt, etwas dagegen zu unternehmen. Die anderen Wildhüter werden zusammengerufen, und alle kommen mit, ausgerüstet nur mit einer Machete, dem hiesigen Allzweckwerkzeug. Am Brandherd angekommen, geht gerade ein Büschel ausgedörrten Grases am Straßenrand unter gewaltiger Qualmentwicklung in Flammen auf. Eine eher kleine Feuerwalze frißt sich durchs trockene Laub. Die meisten Bäume bleiben verschont, und wenn so etwas nicht allzu oft passiert, kommt trotzdem genügend Nachwuchs hoch.

Die Männer beginnen damit, ein paar Meter vor der Feuerfront einen Streifen Blätter wegzukratzen, um dem Brand die Nahrung zu nehmen. Der Wind dreht und treibt das Feuer auf die bereits abgebrannten Flächen zurück. Das bringt etwas Zeitgewinn. Junge Männer aus dem Dorf sind mittlerweile dazugestoßen und beteiligen sich an der Aktion. Eine Böe fegt durch den Wald, trägt Funken auf die bereits geschützt geglaubte Fläche, die sofort brennt wie Zunder. Am Abend sind alle verschwitzt und verdreckt, und im Wald qualmt es immer noch an einigen Stellen. Doch am nächsten Morgen ist der Brand erloschen.

Während der Trockenzeit ruht die Vegetation. Aber viele Baumarten ignorieren die äußeren Bedingungen und bleiben grün. Kahle Baumriesen stehen dazwischen. Andere Arten warten ab. Sie verlieren das Laub erst, wenn es ihnen endgültig zu trocken wird, wieder andere treiben sogar jetzt schon frische Blätter aus, sehr zur Freude der Stummelaffen. Wenn sie einen Baum mit jungen Trieben entdecken, machen sie sich darüber her, und oft bleibt dann kein einziges Blatt übrig. Sie scheuen sich auch nicht, mitten ins Dorf zu marschieren, um dort auf einen Kapokbaum zu klettern. Daß daneben gerade die Maurer arbeiten, stört sie nicht im geringsten.

Blätter sind die Hauptnahrung der Stummelaffen. Um diese Kost überhaupt verwerten zu können, verfügen sie über ein wiederkäuerähnliches Verdauungssystem mit zwei Gärkammern im mehrteiligen Magen. Sie verbringen die meiste Zeit des Tags mit Nahrungsaufnahme und Verdauung. Eine gemächliche Lebensart ist die Folge.

Die Monas geben sich viel lebhafter, was sie sich bei ihrer proteinreichen Kost auch leisten können. Sie fressen neben jungen Blättern und Trieben auch Blüten, Samen und Früchte, sowie Insekten. Wenn sie ihr Revier durchstreifen, verteilen sich die Mitglieder des Trupps über ein größeres Gelände, wobei sie ständig durch Rufe Kontakt halten. Mal klettern sie in die höchsten Baumkronen, um dann wieder durchs Unterholz zu hangeln und sogar direkt auf dem Boden nach Eßbarem zu suchen. In Boabeng und Fiema machen zudem die Abfälle der Menschen einen ganz erheblichen Teil ihrer Nahrung aus. Schalen von Jamswurzeln und Kochbananen fallen regelmäßig an und werden einfach an den Waldrand getragen, wo die Monas sich anschließend bedienen.

Aber das genügt ihnen natürlich nicht im geringsten. Im Dorf gehen sie regelmäßig, nicht selten sogar bis zu dreimal am Tag, auf Patrouille. Früchte, Maiskolben, Erdnüsse oder Speisereste fallen ihnen dabei in die Hände. Obwohl die Vorräte immer gut verstaut werden, sind sie vor dem scharfen Blick, dem Geschick und der Dreistigkeit der Monas in den meisten Fällen doch nicht sicher. Die Dorfbewohner tragen es - fast immer - mit Fassung. Meistens lachen sie darüber, wenn ihnen die kleinen Kobolde einen Streich gespielt haben, und es macht ihnen auch Spaß, sie dabei zu beobachten.

Bei solch erfolgreicher Nahrungssuche haben die Monas den halben Tag Zeit, sich ihrer Lieblingsbeschäftigung zu widmen: sozialen Kontakten. Gegenseitige Fellpflege wird ganz groß geschrieben, während sich die Kleinen gegenseitig durch die Äste jagen. Die vielen Jungtiere zeigen, daß es den 13 Gruppen im Reservat recht gut geht. Trotzdem ist die Situation kritisch. Etwa 250 Mona-Meerkatzen und 130 Bärenstummelaffen leben im Boabeng-Fiema Monkey Sanctuary: zuwenig, um auf die Dauer ohne Genaustausch mit anderen Gruppen auszukommen. Kontakte mit benachbarten Populationen aber werden immer schwieriger.

Da erscheint es wie ein Silberstreif am Horizont, daß das Managementkomitee einen Entwicklungsplan mit dem UNDP (United Nations Development Programme) aushandeln konnte, das fünf benachbarte Dörfer einbezieht, die ebenfalls Flächen unter Schutz gestellt haben. Neben der Förderung einer umweltverträglichen Landwirtschaft sowie Maßnahmen gegen die schweren Erosionsschäden in den Dörfern und anderen Punkten liegt ein Schwerpunkt des Programms in der Förderung des Tourismus, der auf jeden Fall unter lokaler Kontrolle bleiben soll. Mit Geld der Europäischen Gemeinschaft wurde bereits ein Gästehaus errichtet, das vor allem Gruppen eine Übernachtungsmöglichkeit bietet.

Für jeden, der das Glück hat, einmal ins Boabeng-Fiema Monkey Sanctuary zu kommen, ist es tatsächlich ratsam, mindestens einmal über Nacht zu bleiben, denn die Affen sind besonders in den frühen Morgenstunden und am Abend aktiv und besser zu beobachten. Seit der Mona-Trupp gelernt hat, daß man vor weißer Haut noch weniger Angst haben muß als vor schwarzer, sind die Beobachtungsbedingungen wirklich optimal.

 

REISE - INFOS:

ANREISE:
Aus Europa fliegen Ghana Airways, Swissair, Lufthansa nach Accra. Nach Boabeng-Fiema fährt man per Bus bis Kumasi, von dort mit dem Trotro bis Techiman, dann nach Nkoranza. Die letzten 20 km mit Trotro oder Taxi. Alternative: Mietwagen, am besten mit Fahrer.

UNTERKUNFT:
In Boabeng gibt es ein recht einfaches Gästehaus, Selbstverpflegung. Einzelreisende und kleine Gruppen können sich auch bei Familie Akowuah einmieten und sich dort auch landestypisch verpflegen lassen.

REISEZEIT:
Während der Trockenzeiten von November bis Februar und Juli/August sind die Straßen sicherer zu passieren, die Regenzeiten belohnen die Beschwerlichkeiten und Regenpausen mit dem saftigen Grün der Vegetation und staubfreier Luft.

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